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Umgangs- und Sorgerechts-Blog

PAS – Erklärung oder Sackgasse bei Umgangsvereitelung?

Matthias Bergmann 3. April 2016

PAS: Erklärung und Hilfe bei Umgangsvereitelungen und Umgangsverweigerungen?

Das “Parental Alienation Syndrom” als Lösungshindernis bei Umgangsproblemen

“Hilfe, mein Kind will mich nicht mehr sehen!” oder “Was kann ich tun, wenn mein/e Ex mein Kind instrumentalisiert?” oder “Die Antwort lautet PAS!”. So oder so ähnlich klingen Beiträge in Elternforen, wenn es um das Thema der sog. Umgangsvereitelungen oder des sog. Parental Alienation Syndroms geht. Was können Eltern tun, wenn Kinder ein Elternteil nicht mehr sehen möchten? Was, wenn Umgänge schwierig werden? Die Wut ist groß, die Traurigkeit überwältigend, die Ohnmacht allgegenwärtig.
In einer Reihe von Artikeln möchten wir uns diesem komplexen Thema annehmen. Wir wollen aufklären, sensibilisieren und den versuch unternehmen Lösungen aufzeigen. Los geht’s mit:

Was ist eigentlich eine Umgangsvereitelung?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Sowohl der Wissenschaft, als der Rechtssprechung als auch betroffenen Eltern selbst, fehlt eine einheitliche Definition, was eine sog. Umgangsvereitelung ist, wo sie beginnt und aufhört und wie genau sie ausgeprägt sein kann. Umgangsvereitelungen sind so individuell, wie die Menschen, die damit konfrontiert sind (Vater, Mutter und Kind(er)). Schon das Wort an sich ist schwierig, da der Begriff Vereitelung beinhaltet, dass eine Person aktiv und bewusst auf den Umgang Einfluss nimmt. Das ist jedoch sehr häufig eine Beschreibung, die den tatsächlichen Gegebenheiten nicht entspricht. Darüber hinaus ist jede Trennung von Eltern unterschiedlich und kein Trennungsgrund entspricht exakt einem anderen – was wiederum unterschiedliche Auswirkungen auf den Umgang mit gemeinsamen Kindern hat.

Bekannt ist, dass sog. Umgangsvereitelungen und Umgangsverweigerungen sowohl von Eltern als auch von Kindern selber ausgehen können – sei es bewusst oder in den häufigsten Fällen unbewusst gesteuert. Wenn ein Kind den Umgang mit dem anderen leiblichen Elternteil verweigert, dann sind die Gründe dafür meist außerordentlich komplex. Genauso, wenn Eltern ihren Kindern den Umgang verweigern. Einfache Erklärungen, undifferenzierte Schuldzuschreibungen und aggressive Konfrontationen erfassen die Problematik nicht in ihrer Komplexität und sind daher oft wenig zielführend für die Konfliktlösung. Was nicht heißt, dass es nicht auch klare und durchsetzbare Lösungen geben kann.

Darüber hinaus lässt sich aber auch feststellen: Eine Umgangsvereitelung – egal in welcher Ausprägung – löst ganz individuelle Gefühle aus und eben auch hier bewusste Gefühle (Wut, Trauer und Ohnmacht – vermehrt bei den Eltern) und unbewusste (z. Bsp.: langfristige psychische Folgen vor allem für Kinder). Beide Eltern und auch die Kind(er) leiden in den meisten Fällen gleichermaßen.

Umgang als Bedürfnis von Kindern

Kinder suchen grundsätzlich den Kontakt zu beiden Elternteilen. Sie haben demnach entwicklungspsychologisch zunächst keinen Grund, den Kontakt zum Vater oder zur Mutter abzubrechen – es sei denn, es liegt eine akute Bedrohungslage oder ein Missbrauch vor. Die Trennung der Eltern und der daraus entstehende Konflikt können aber zu einer unnatürlichen Verweigerung führen. Betroffene Eltern auf beiden Seiten des Konfliktes suchen dann nach Erklärungen für das Verhalten der Kinder und verlieren sich in ihrer Betroffenheit häufig in zu einfachen Modellen und Erklärungsversuchen.

PAS als Erklärungsmodell der Umgangsverweigerung des Kindes

Ein Modell, das oft als Erklärung für eine sog. Umgangsvereitelung heran gezogen wird, ist das PAS-Modell, das vom Kinderpsychiater Richard A. Gardner 1985 formuliert wurde. PAS steht für Parental Alienation Syndrome, zu Deutsch Eltern-Kind-Entfremdung. PAS soll eine Erklärung dafür bieten, warum sich ein Kind von einem Elternteil entfremdet und welche Rolle bzw. Verantwortung der betreuende Elternteil dabei spielt bzw. trägt.
PAS ist in der Wissenschaft zutiefst umstritten. Dennoch wird es oft als Erklärungsmodell von betroffenen Eltern herangezogen. Im folgenden Abschnitt erklären wir, was PAS ist. Anschließend erläutern wir, warum das einfache Modell PAS unserer Auffassung nach wenn überhaupt dann nur in ausgesprochen seltenen Extremstfällen eine realistische Erklärung bieten kann und warum dieses Modell daher oft mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Bei all dem gilt es immer im Auge zu behalten, dass alle Fälle des Sorge- und Umgangsrechts hoch komplex sind und daher kein Versuch einer allgemeinen Erklärung dem Einzelfall gerecht werden kann.

Uns ist an dieser Stelle wichtig, dass PAS ein Erklärungsmodell ist, das mit wenigen Ausnahmen für alle Beteiligten und beide Eltern keine brauchbare Grundlage für die Lösung des Konfliktes und die Hilfe für das Kind bietet. Unabhängig von der Rollenverteilung ob Mutter oder Vater die zeitlich hauptsächliche Betreuungsperson des Kindes ist: PAS ist kein brauchbares Modell für die Erklärung und Bewältigung der Problemlage.

Was ist PAS nach Richard A. Gardner?

Bereits 1992 berichtete der Kinderpsychologe Gardner über ein Phänomen, das er immer wieder bei seiner Arbeit beobachtete: Einzelne Scheidungskinder, deren Eltern vehement um das Umgangs- und Sorgerecht stritten, wendeten sich von dem nicht betreuenden Elternteil ab und lehnten jeglichen Kontakt ab. Gardner formulierte eine Kombination an Ursachen für die radikale und rational nicht zu begründete Ablehnung eines Elternteils: Einerseits machte er eine Programmierung des Kindes durch den betreuenden Elternteil verantwortlich und begründete dieses Verhalten mit psychopathologischen Umständen dieses Elternteils, wie z. B. Hysterie und Paranoia. Zum anderen unterstellte er den Kindern selber, einen eigenen willentlichen und somit kognitiven Anteil zur Umgangsvermeidung – der allerdings seine Ursache in der vorher stattgefundenen Manipulation findet. (Quelle: Behrend 2009: 56)

Kinder, die vermeintlich unter PAS leiden – also durch einen Elternteil beeinflusst und manipuliert wurden – zeigten laut Gardner folgende acht Kardinalssymptome.

Kardinalsymptome des Parental Alienation Syndroms (PAS)

1. Zurückweisungs- und Herabsetzungskampagne

Kinder reagieren ausschließlich negativ auf den abgelehnten Elternteil und sie verdrängen frühere positive Erfahrungen mit ihm. Darüber hinaus erscheint ihnen das andere Elternteil meist sogar als gefährlich. Besuche werden häufig nur unter Bedingungen akzeptiert, zum Beispiel, dass das alleinige Sorgerecht auf den betreuenden Elternteil übertragen wird.

2. Ausweitung der Feindseligkeit auf die erweiterte Familie

Nicht nur das nicht betreuende Elternteil wird abgelehnt sondern alle ihm nahestehenden Personen.

3. Absurde Rationalisierung

Betreuendes Elternteil und das Kind reagieren mit irrationalen Ablehnungslogiken. Beispiel: Wenn der abgelehnte Elternteil die Bemühungen um das Kind aufgibt, wird ihm dies als Gleichgültigkeit angerechnet. Sofern sich das Elternteil aber weiterhin bemüht, wird ihm Egoismus und ein ausschließliches Handeln nach seinen eigenen Interessen nachgesagt.

4. Fehlende Ambivalenz

Betreuuendes Elternteil und Kind sehen den anderen Elternteil als entweder “gut” oder “schlecht”. Eine differenziertere Wahrnehmung in der Mitte schafft insbesondere das Kind oft nicht.

5. Reflexartige Parteinahme

Das Kind schafft unmittelbar klare Verhältnisse, indem es sich – oft ungefragt– auf die Seite des betreuenden Elternteils stellt. Das Kind vertritt blinde Loyalität gegenüber dem betreuenden Elternteil und lehnt den anderen radikal und mit aller Vehemenz ab.

6. Das Phänomen der eigenen Meinung

Betroffene Kinder insistieren, dass die Verweigerung tatsächlich ihr eigener Wunsch ist. Diese Aussage wird subjektiv auch als “wahr” empfunden, weil die Kinder kein Gespür für die Manipulation haben. Sie glauben also tatsächlich, sich dem anderen Elternteil verweigern zu wollen.

7. Abwesenheit von Schuldgefühlen

Das Kind zeigt keine Zeichen von Schuld oder Mitgefühl gegenüber dem abgelehnten Elternteil. Finanzielle Zuwendungen und materielle Unterstützung werden allerdings dennoch eingefordert und angenommen. Zeichen von Dankbarkeit gibt es keine.

8. Geborgte Szenarien

Das Kind kommuniziert in einer nicht kindgerechten Sprache. Die sprachliche Kommunikation entspringt merklich der Erwachsenenwelt.
(Quelle: Behrend 2009: 57f. und O.-Kodjoe & Koeppel 1998)

Zunächst ging Gardner davon aus, dass gerade Mütter ihre Kinder gegenüber dem Vater instrumentalisierten. PAS wurde also zunächst stereotyp beim vereitelten Umgangsrecht des Vaters gesehen. Später relativierte er aber diese Annahme und zog damit ebenfalls die Möglichkeit in Betracht, wonach auch ein Vater instrumentalisieren könne. Darüber hinaus wich er von seinem Behauptung ab, wonach Instrumentalisierungen immer bewusst und böswillig stattfänden. Fortan waren auch unbewusste, also nicht vorsätzliche Beeinflussungen Teil seines Erklärungskonzepts.

Was jedoch blieb, war die Annahme, dass die Instrumentalisierung des Kindes dem betreuenden Elternteil dazu diene, eine Art “Rachefeldzug” (Behrend: 2009, 59) gegen den Expartner zu führen. In diesem Sinne lässt er kein gutes Haar an der vermeintlich instrumentalisierenden Person, da sie (die Person, nicht zwangsläufig die Mutter!) ihr Wohl (Erfüllung von Rachegelüsten) über das Wohl des Kindes stellt (friedlichen Kontakt zu beiden Elternteilen). Gardner bescheinigt dem entziehenden Elternteil daher letztlich eine “Feindseligkeit” gegenüber dem eigenen Kind.
Darüber hinaus führte Gardner drei unterschiedlich starke Ausprägungen für PAS an: mild, moderat und schwer. Demnach konnte jedes noch so kleine Anzeichen für das Auftreten der beschriebenen Symptome PAS zugeordnet werden.

Der Kinderpsychiater beschreibt PAS als Coping-Strategie (to cope = zurechtkommen) der Kindern. Demnach handelten Kinder nach PAS, um besser mit der Trennungssituation umgehen zu können. Generell verlieren Kinder durch eine Trennung den engen Kontakt zu einem Elternteil und spüren Konflikte zwischen den Eltern, mit denen sie nur schwer umgehen können. Laut Gardner fürchten solche Kinder den Verlust von beiden Elternteilen, sodass sie das kleinere Übel wählen und sich bedingungslos auf die Seite des einen schlagen, um wenigstens diesen einen Menschen nicht zu verlieren. Kindern handeln derart loyal, um ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen.

Maßnahmen zur Umgangsdurchsetzung gem. PAS

Was empfiehlt Gardner also, um PAS zu entkommen? Welche Maßnahmen fordert er, um eine solche Situation zu lösen? Gardners Empfehlung richtet sich gegen das Elternteil, das vermeintlich instrumentalisierend gegenüber seinem Kind agiert und somit als Hauptursache der Umgangsvereitelung ausgemacht werden kann. Demnach solle der Einfluss dieses Elternteils auf das Kind minimiert werden bzw. in drastischen Fällen komplett ausgesetzt werden. Gemäß dieser Empfehlung würde ein Kind “empfohlenermaßen” in die Obhut gerade jenes Elternteils gestellt, welches es “nach eigenem Willen” nicht sehen möchte.
Bereits hier werden die Widersprüchlichkeit und die Grenzen von PAS deutlich. Weitere Begründungen, warum PAS ein meist unzulängliches Erklärungsmodell ist und Betroffene systematisch in die Irre führt, liefern wir im folgenden Absatz. Denn soviel kann vorab gesagt werden: das verlockend einfache Erklärungsmodell PAS leitet beide betroffene Eltern meist in eine Falle. Die Symptome scheinen für alle Betroffenen einleuchtend: Schuld hat die jeweils andere Seite. Der oder die Ex handelt feindselig und böswillig. Man selber trägt keinerlei Verantwortung und eigene Handlungsmöglichkeiten bleiben keine. Eine solche oftmals abschließende Erklärung wird der Komplexität des Problems ganz überwiegend nicht gerecht. Derart einfache Lösungen versperren Wege zu einer wirklichen Lösung. Sie verhindern jegliche weitere Kommunikation, die aber absolut notwendig ist.

Warum PAS kein ausreichendes Erklärungsmodell für eine Umgangsvereitelung ist.

Das beschriebene PAS-Konzept bietet aus vielerlei Gründen keine Grundlage für eine praktikable Auflösung einer sog. Umgangsvereitelung. Zwar wurde Gardner vielfach für seine Arbeit kritisiert. Dennoch hält sich das Konzept hartnäckig in der wissenschaftlichen Diskussion und vor allem in den Köpfen betroffener Eltern. Es wird leider auch vielfach in familiengerichtlichen Umgangsverfahren pauschal herangezogen.

Vereinfacht kann man sagen, dass PAS dem betreuenden Elternteil eine Instrumentalisierung seines eigenen Kindes vorwirft, aus dem einzigen Grund, dem Expartner Leid zufügen zu wollen. Das Kind wird Opfer dieser negativen Beeinflussung und wendet sich daher vom nicht betreuenden Elternteil ab. Das Elternteil, dem das Kind den Umgang verweigert, ist tief getroffen.

PAS kann nicht falsifiziert werden

Den ersten Hinweis, warum PAS kein adäquates Erklärungsmodell für sog. Umgangsverweigerungen sein kann, liegt in den von Gardner genannten Ausprägungen (mild, moderat und schwer). Demnach kann jedes noch so kleine Symptom einer Umgangsverweigerung mit PAS erklärt werden. In der Wissenschaft gibt es allerdings eine goldene Regel: Eine Theorie wird nur so lange als wissenschaftlich anerkannt, so lange sie widerlegt (falsifiziert) werden kann. Wenn PAS nun in den unterschiedlichen Ausprägungen (mild, moderat und schwer) aber auf jedes Symptom angewendet werden kann, dann ist PAS immer und überall nachzuweisen. Jedes noch so leichte Symptom entspricht demnach PAS – und gleichermaßen sind auch die schlimmsten Ausprägungen der beschriebenen Symptome Zeichen für das Syndrom. Die Theorie wird demnach immer ihre Richtigkeit finden und beweist gerade dadurch ihre Fehlerhaftigkeit. PAS entspricht demnach keiner wissenschaftlichen Grundlage und kann in diesem Sinne als “vorwissenschaftlich” charakterisiert werden.Anders ausgedrückt: Es handelt sich bestenfalls um eine grobe, nicht nachgeprüfte und nicht nachprüfbare Idee.

kognitive Grenzen bei Beeinflussung von Kleinkindern

Darüber hinaus lässt sich aus entwicklungspsychologischer Sicht wissenschaftlich zeigen, dass gerade Kleinkinder kognitiv nicht in der Lage sind, instrumentalisiert zu werden. Kinder diesen Alters reagieren auf offensichtliche Umstände durch unmittelbares Handeln. Sie sind nicht zugänglich für Beeinflussungen. Ihre Wahrnehmung ist dahingehend noch unzureichend ausgebildet. Wenn ein Elternteil also tatsächlich versuchen würde, ein so junges Kind zu beeinflussen, würde dieses Vorhaben nicht gelingen. Das Kind würde die Beeinflussung nicht erkennen und demnach auch nicht darauf reagieren, sodass es den Kontakt mit dem anderen Elternteil ganz natürlich weiterhin einfordern würde.
In der Praxis sieht man aber, dass auch kleine Kinder den Umgang verweigern und sich demnach gegen das Prinzip stellen, was ihnen entwicklungspsychologisch eigentlich gut täte (Kontakt zu Vater und Mutter). PAS, mit seinem Instrumentalisierungsdenken kann daher keine Erklärung für ein solches Handeln des Kindes sein. Es muss andere Gründe als PAS geben, warum Kinder sich einem Elternteil entziehen.

PAS ist Symptom und Erklärung gleichermaßen

Ein weiterer wesentlicher Kritikpunkt an PAS ist, dass es einerseits sowohl als Symptom als andererseits auch als Erklärung für die Symptome heran gezogen wird. Jeder, und in unzähligen Internetforen kann man dieses Phänomen beobachten, der sich von seinem Kind missachten fühlt, kann den Grund dafür unmittelbar benennen – die Antwort lautet immer PAS. (Quelle: Behrend 2009: 64ff.)

Welche Folgen hat eine Falschzuschreibung von PAS?

Vereinfacht ausgedrückt kann man sagen, dass PAS eine Falle ist, die zu eindimensionalen Erklärungen führt: “Mein Expartner instrumentalisiert mein Kind. Ich kann nichts machen, mein Kind glaubt dem Ex”. Und auf der anderen Seite: “Mir wird vorgeworfen, dass ich das Kind bewusst instrumentalisiere. Ich weiß sicher, dass das nicht stimmt. Also ist der gesamte Vorwurf falsch. Ich trage keine Verantwortung. Ich kann nichts machen.”
PAS reduziert die Komplexität der Trennungssituation und schafft zusätzliche Feindbilder. Dem oder der Ex kann voll und ganz die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Es entsteht eine Täter-Opfer-Konstellation, in der extreme Emotionalität herrscht. Die Betroffenen denken in “gut” und “böse” Dimensionen, gerade in den Dimensionen also, die im Erklärungsmodell des PAS dem anderen Elternteil vorgeworfen werden. Ein solches Denken verschärft den Konflikt und verschlimmert die Situation.

PAS: eine Sackgasse und Denkfalle

Unser Rat an dieser Stelle ist daher: Tappen Sie nicht in die PAS-Falle. PAS als Erklärungsmodell hilft weder Ihnen noch Ihrem Kind! Die böswillige und bewusste Manipulation eines Kindes durch einen Elternteil ist in der Praxis extrem selten vorzufinden. In diesen Fällen aber handelt es sich dann meist um so extreme Fälle, dass sie von Dritten als solche erkannt und eingeordnet werden.
Der überwiegende Anteil der Eltern möchte, dass es dem eigenen Kind gut geht. Und betroffenen Eltern ist sehr wohl bewusst, dass für die optimale kindliche Entwicklung sowohl Vater als auch Mutter notwendig sind. Es muss also nicht “der oder die böse Ex” dafür verantwortlich sein, dass ein Kind den Umgang verweigert. Andere, plausiblere Gründe lassen sich entdecken und beschreiben. Im Folgenden möchten wir Ihnen Perspektiven aufzeigen, die viel wahrscheinlichere Gründe für eine kindliche Umgangsverweigerung beschreiben, als es PAS jemals kann und konnte. Dies bedeutet nicht, dass die Rolle des betreuenden Elternteils für das Verhalten des Kindes nicht gesehen wird. Ganz im Gegenteil: dem betreuenden Elternteil sind ganz erhebliche Anstrengungen abzuverlangen damit die Situation sich bessert. Aber gerade dieser Mitwirkungsakt des betreuenden Elternteils kann sinnvoll nur verlangt werden, wenn dieser nicht von vornherein als böswillig und kindsschädigend angesehen wird.

Ein Gegenmodell zu PAS: Wenn PAS unzutreffend ist, welche Erklärungen kann es dann für das Verhalten meines Kindes geben?

Katharina Behrend promovierte 2009 im Fach Psychologie an der Universität Bielefeld. Ihre Doktorarbeit beschäftigte sich mit Kontaktverweigerungen von Kindern nach Trennung der Eltern. Behrend entwirft ein Gegenmodell zu Gardner und liefert eine differenziertere und überzeugendere Begründung für die Umgangsverweigerungen von Kindern.

Auch Behrend spricht von einer Vielzahl an Faktoren, die Einfluss auf eine solche Entscheidung von Kindern haben. Der große Wert ihrer Doktorarbeit liegt darin, dass sie es schafft, eine Typologie von Umgangsverweigerungen von Kindern zu entwickeln. Die von ihr benannten drei Typen liefern deutlich mehr Perspektiven und Erklärungsansichten auf das kindliche Verhalten als das PAS-Modell nach Gardner.

Erklärungen für Umgangsverweigerungen des Kindes

Typ 1 – Streitmeidung

Frage: Warum verweigert ein Kind des Typs 1 den Umgang zum nicht betreuenden Elternteil? Antwort: Es möchte dem Konflikt und dem Streit zwischen den Eltern aus dem Weg gehen und meidet daher ein Zusammentreffen der beiden.
Kinder des Typs 1 erleben akuten Stress durch andauernde Konflikte zwischen den Eltern. Sie erleben ein permanentes Spannungsfeld zwischen beiden, dem sie sich entziehen möchten, da die Situation für sie unerträglich ist. Insofern lehnt ein Kind den nicht betreuenden Elternteil nicht ab, sondern meidet ihn vielmehr. Dies liegt nicht in der Person selber begründet. Während einer Trennung machen Kinder die oftmals traumatische Erfahrung, dass ein Elternteil nicht länger unmittelbarer Bestandteil ihrer Lebenswelt ist. Kinder leiden unter diesem Verlust und entwickeln gleichzeitig enorme Ängste, auch den anderen Elternteil zu verlieren. Daher klammern sie sich mit aller Vehemenz an das noch verbliebene Elternteil. Verlustangst und der Wunsch nach Frieden und Ruhe motivieren ein Kind also dazu, den Kontakt zum anderen Elternteil abbrechen zu wollen.
Der Beziehungsabbruch dient demnach der Stressbewältigung. Dieses Phänomen ist vor allem bei jüngeren Kindern zu beobachten, die noch nicht in die Grundschule gehen. Und eine weitere interessante Beobachtung lässt sich an ihnen machen: Kommt es zu einer Übergabe des Kindes zwischen Vater und Mutter, wittert das Kind eine feindselige Atmosphäre und protestiert. Sobald die Übergabe aber absolviert wurde und Vater und Mutter auseinander gehen, entspannt sich das Kind und sucht einen unbeschwerten Kontakt. Unruhig wird das Kind erneut, wenn die Rückgabe ansteht. Dann kann es sein, dass sich das Kind dem eigentlich betreuenden Elternteil verweigert. Aber auch hier entspannt sich die Situation schnell wieder nach der erfolgten und der im besten Fall stressfreien Übergabe.
Dieses Phänomen macht deutlich, dass Kinder des Typs 1 nicht eine Person ablehnen sondern vielmehr einer Streitsituation aus dem Weg gehen wollen.
Ein Beispiel: Eine Mutter erklärt in einem Forum das Verhalten ihres Kindes unter dem Aspekt Streitminderung:

Quelle: http://www.alleinerziehend.net/recht/sorge-und-umgangsrecht/4649-was-ist-umgangsvereitelung/

Typ 2 – Instrumentalisierte Loyalität

Bei ihrem Typ 2 spricht Behrend ähnlich wie Gardner von Instrumentalisierung. Das Kind wird durch das betreuende Elternteil beeinflusst und bildet eine “eigene” Meinung aus, die sich gegen das nicht anwesende Elternteil richtet. Was unterscheidet nun Behrends Annahme von Gardners?
Eine Beeinflussung nach Behrend muss nicht böswillig sein und kann Resultat eines unterbewussten Prozesses sein. Eltern, die in dieser Hinsicht beeinflussen, handeln in “aufklärerischer Absicht” (Behrend 2009: 174) und verbreiten keine bewussten Lügen über den Expartner sondern halten das Gesagte für tatsächlich “wahr”. In diesem Sinne wollen sie die Kinder nicht böswillig beeinflussen sondern vielmehr schützen und vor Enttäuschungen bewahren. Behrend beklagt, dass Betreuende oftmals selber nicht merken, inwieweit sie ein Kind “negativ” beeinflussen. Ein Beispiel veranschaulicht das Problem:
“Wenn ein Elternteil vor dem Kind über den anderen Elternteil klagt “Der Tochter seiner Freundin schenkt er ein Fahrrad, was du dir auch schon lange gewünscht hattest, doch damals war es ihm immer zu teuer”, dann mag es sich mit dieser “Mitteilung” durchaus um eine sachlich richtige Information handeln; auf metakommunikativer Ebene wird damit jedoch das dem Kind nicht verborgen gebliebene negative Bild vom Ex-Partner jetzt auch auf Elternebene “bestätigt”.” (Behrend 2009: 175)
Behrend nennt diese Form von Beeinflussung “passive Instrumentalisierung” (Behrend 2009: 175). Sie zielt weniger darauf ab, den Ex-Partner vor dem Kind schlecht zu machen als vielmehr über vermeintlich “wahre” Situationen zu berichten.
Gerade, wenn es tatsächlich kritikwürdiges Verhalten des anderen Partners gibt, ist diese Form der Beeinflussung zumindest nachvollziehbar und in krassen Fällen auch verständlich. Vor allem aber erfordert es ein hohes Maß an emotionaler Selbstkontrolle, wenn es darum geht solche subtilen und oft selbst kaum wahrgenommenen Einflussnahmen zu kontrollieren.

Ähnlich zu Gardner erwähnt auch Behrend eine böswillige Manipulation, die allerdings höchst selten auftritt. Wenn sie auftritt, dann kann sie erst ab dem Grundschulalter “gelingen”, da erst zu diesem Zeitpunkt Kinder kognitiv in der Lage sind, beeinflussende Botschaften zu deuten. Eine “erfolgreiche” Negativ-Instrumentalisierung ist darüber hinaus nur dann wahrscheinlich, wenn das Kind noch während der Partnerschaft der Eltern wenig Kontakt zum nun abgelehnten Elternteil hatte. Wenn z. B. der Vater beruflich viel unterwegs war und wenig Kontakt bestand, dann ist eine Bindungsgeschichte womöglich nicht so tief, als dass sich ein Kind gegen eine Beeinflussung zur Wehr setzen könnte. Sofern das Kind allerdings eine starke Bindung zu beiden Partnern hatte, ist eine Instrumentalisierung ungleich schwieriger, wenngleich dennoch nicht ausgeschlossen.
Wenn Kinder nun einem Einfluss unterliegen, bringt es sie in einen starken Gewissenskonflikt, da sie sich ja grundsätzlich – wie bereits mehrfach erwähnt – zu beiden Elternteilen hingezogen fühlen. Wie reagieren Kinder also, wenn ein Elternteil als “böse” beschrieben wird? Sie entziehen sich der Situation, da der Schmerz unerträglich wird. Aus psychologischer Sicht geschieht es, dass Kinder in ihrer Enttäuschung das andere Elternteil ausblenden, um sich vor weiteren Verletzungen zu beschützen. Um eine Konstanz im Gefühlshaushalt zu erreichen, meiden Kinder jegliche Informationen, die sie davon überzeugen könnten, dass “der Böse” doch nicht böse ist. Kinder suchen eine Konstante an der sie sich festhalten können, auch wenn diese an sich eigentlich nicht hinnehmbar ist. Mit der Zeit verlieren sie jegliche Empathie und verhalten sich absolut schonungslos. Je weiter ein solcher Prozess voran geschritten ist, umso schwieriger wird es für die Betroffenen, einen erneuten positiven Kontakt aufzubauen.

Typ 3 – Kränkungen und seelische Verletzungen des Kindes

Das Verhalten eines Typ 3 Kindes lässt sich recht simpel erklären. Im Laufe eines Trennungsprozesses kann ein Kind verletzende und kränkende Erfahrungen mit dem abgelehnten Elternteil gemacht haben, sodass sich gerade ältere Kinder zurück ziehen und den Kontakt meiden. Ein solches Vorgehen hat weder etwas mit einer Beeinflussung noch mit konkreter Stressminimierung zu tun. Das beschriebene Verhalten ist vielmehr sehr natürlich und menschlich. In diesem Fall hat das betreuende Elternteil mit der Ablehnung des Kindes nichts zu tun. Das Kind richtet sich ausschließlich gegen eine Verhaltensweise des Abgelehnten selbst, um weitere Enttäuschungen und Verletzungen zu vermeiden.
(Quelle: Behrend 2009: 168ff.)

Allerdings sollte auch in diesen Fällen beachtet werden, dass es für die meisten Kinder von erheblicher Bedeutung ist, mit diesem Elternteil eigene Bindungserfahrungen zu haben. Das gilt besonders auch dann, wenn diese Erfahrung schlecht ist. Auch hier ist daher eine Umgangsvermeidung nicht zwingend das für das Kind Beste.

Wehret den Anfängen! Wie beide Eltern Umgangsverweigerungen vorbeugen können

Wir hoffen, wir konnten Ihnen in unserem ersten Blogbeitrag zum Thema der sog. Umgangsvereitelung einige Anregungen geben, welchen Blick Eltern auf das Thema Umgangsverweigerungen werfen können und welche unterschiedlichen Perspektiven möglich sind. Es gibt keine einfachen Erklärungen, auch keine einfachen Lösungen – weder für einen Trennungskonflikt noch für den aus der Trennung resultierenden Umgang mit einem gemeinsamen Kind. Folgende Anregungen möchten wir Ihnen zu guter letzt mit auf den Weg geben:

1. Suchen Sie eigene Handlungsmöglichkeiten!

Lassen Sie sich das Heft nicht aus der Hand nehmen. Beide Eltern haben Einflussmöglichkeiten, die meist im Wirbel der Emotionen und der Sorge um das Kind verborgen bleiben.

2. Vermeiden Sie Denkschablonen!

Gerade wenn es besonders schwierig ist: Vermeiden Sie Denkschablonen wie PAS! Einfache Erklärungen sind gefährlich, sie verführen zu Denkweisen, die selbsterfüllende Prophezeiungen sind.

3. Sie entscheiden heute, ob es Ihrem Kind in Zukunft gut geht!

Trennungen sind Einschnitte im Leben von allen Beteiligten. Während Erwachsene im Laufe der Zeit einen mehr oder weniger stabilen Charakter ausgeformt haben, befinden sich Kinder erst in der Entwicklung eines eigenen. Seelische Stabilität, Selbstbewusstsein und Werte werden gerade im Kindesalter ausgeprägt Umgangsvereitelungen schleichen sich ein. Sprechen Sie miteinander und wenn dies nicht möglich ist, holen Sie frühzeitig Hilfe dazu. Dulden Sie keinerlei Ausnahmen zu gefundenen Regelungen, definieren Sie klare Regeln, halten Sie diese ein und bleiben Sie immer aktiv. Vor allem aber: Überlassen Sie es nicht dem Kind Entscheidungen zu treffen, die Sie selber extrem schwer finden.

Unter Mitarbeit von Julia Kottkamp

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